Buchpremiere in St. Marien am 20. September, 11.30 Uhr. Andrea Gerecke stellt ihren neuen Minden-Krimi "Zeilenfall" vor. Es gelten die derzeit üblichen Corona-Regeln.

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Internetandacht Karfreitag 10.04.2020
Pfarrer Frieder Küppers und Anna Somogyi

Andacht Karfreitag 10.04.2020 komplett

Internetandacht Karfreitag, 10.04.2020 einzeln

Vorspiel J.S.Bach Präludium c-Moll BWV 549

Lesung Pfarrer (Frieder Küppers)

Lied - J.S.Bach Largo aus dem Concerto d Moll nach Vivaldi BWV 596

Predigttext (Frieder Küppers)

Die Stille fehlt uns nicht, denn wir haben sie. An dem Tag, an dem sie uns fehlt, haben wir nicht verstanden, sie uns zu nehmen. Aller Lärm, der uns umgibt, macht weniger Getöse, als wir selbst. Der wahre Lärm ist das Echo, das die Dinge in uns haben. Das sagt Madeleine Delbrel, eine französische Nonne aus Ivry in der Nähe von Paris. An diese Worte denke ich heute am Karfreitag. Ich selber muss keinen Gottesdienst feiern, kann keinen Gottesdienst feiern. So habe ich Zeit, mich auf den Weg zu machen. Und gehe zum Mindener Dom. Der Flügel der großen Bronzetür des Domes ist hinter mir zugefallen. Vor mir öffnet sich die riesige Halle dieser ehemaligen Bischofskirche - und die Stille. Jetzt will ich sie mir nehmen. Auf dem Weg nach vorne warte ich auf das Abklingen der Echoerfahrungen der vergangenen Tage und Wochen. Die Erinnerungen an Gesichter, an Begegnungen, die Nachrichten von den veränderten Bedingungen, in denen unser Leben in letzten Wochen stattfinden musste. Die Nachrichten von den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln, von Krisengebieten in der Welt: alltägliche Passionsgeschichten, präsente Kreuzwege. Die werden nicht verschwinden. Aber vielleicht werden sie leiser werden, verständlicher.

Gott und Straße. Das waren die beiden Bezugspunkte von Madeleine Delbrel. Harte Sozialarbeit und der stärkende Rückhalt ihrer christlichen Schwesternschaft waren für sie Alltag und Feiertag zugleich. Es gibt eine stille mitten im Lärm, sagt sie. Also folge ich auf diesem Weg auch der französischen Schwester. Auf dem Weg vom Lärm in die stille. Auf dem Weg von der Straße in Gottes Gegenwart. Ich erreiche durch den Mittelgang des Domes den Bereich der Altarvierung, setze mich in die Bank und schaue nach oben. Über dem Vierungsaltar sehe ich das Mindener Kreuz, eines der ältesten Bronzegroßkreuze der Kunstgeschichte. Gegen die dominante Strahlkraft der goldenen Tafel im Hintergrund hebt es sich in Gestalt und Ausführung wohltuend sachlich ab. Die Arme des Gekreuzigten sind waagerecht ausgestreckt wie eine Geste des Willkommens, die Einladung zu einer Umarmung. Das Haupt ist leicht nach rechts vorn geneigt, die Augen geöffnet, als wolle der Dargestellte den Blick des Betrachtenden begegnen. Keine Dornenkrone erinnert an die Qual des Verhörs, an die Verspottung. Bart und Haupthaar wirken gepflegt und sorgfältig gekämmt, als hätte die Salbung in Betanien gerade eben erst stattgefunden. Die drei dicken Strähnen, die zu beiden Seiten von hinten auf die Schultern fallen, wirken wie Finger zweier Hände, die den Korpus von hinten festhalten und ihm zeigen: du bist nicht allein. Die Beine nicht krampfhaft in sich verschränkt stehen vielmehr wie entspannt nebeneinander und verleihen der gesamten Figur eine in sich ruhende Symmetrie. Die Füße stehen sicher auf einer Art Schemel, der sich nach genauem Hinsehen als Drachenfigur entpuppt. Nichts scheint die Ruhe dieser Gestalt zu stören, nicht einmal dieses Drachenwesen. Auch der ursprünglich komplett vergoldete Körper lässt bis auf die vier Nägel in den Händen und Füssen keine Anzeichen der Marterqualen erkennen. Sogar der Lendenschurz, ursprünglich das Zeichen von Bloßstellung und Ausgeliefertsein, schimmert in dieser Darstellung in dieser besonderen Legierung in Regenbogenfarben wie ein hochwertiges Tuch. Je mehr Einzelheiten auftauchen, umso klarer wird die Einheit scheinbar unvereinbarer Gegensätze in diesem Werk. Jesus, Verlierer im pilatischen Scheingericht, erscheint hier in Gold der Farbe des Siegers. Der von den Intrigen seiner Gegner erniedrigte scheint von oben auf seine Gegner herabzusetzen. Der vor wenigen Momenten unter der Last des Kreuzbalkens zusammenbrach, scheint über allen Lasten der Welt zu schweben. Paul Jacobi, der alte Propst des Mindener Domes, hat über dieses Kreuz geschrieben: „Über vielen Altären hängt ein Kreuz - oft wird der leidende Herr dargestellt. Das Kreuz über dem Vierungsaltar des Mindener Domes aber enthüllt beides: den gekreuzigten und den auferstandenen Herrn in einer Gestalt.“

Das nimmt schon Bezug zu den ersten Versen aus dem Text aus 2. Korinther 5, Verse 14 und 15: „Denn die liebe, die Christus uns erwiesen hat, bestimmt sein ganzes Handeln“, schreibt Paulus. „Ich halte mir stets vor Augen: einer ist für alle in den Tod gegangen; also sind sie alle gestorben. Weil er für sie gestorben ist, gehört ihr Leben nicht mehr ihnen selbst, sondern dem, der für sie gestorben und zum Leben erweckt wurde.“ Sterben von Jesus und das Auferwecktwerden. Die Überwindung der Qualen sind das Zeichen dieser Gemeinschaft, die dadurch entsteht. Alle, die mit Qualen zu tun haben, sind von Jesus eingeladen, zu ihm zu kommen und an dieser Überwindung teilzuhaben. So wird dieses Bild ein Karfreitagsbild, das von den Qualen des Kreuzes und von der Überwindung berichtet. Der nach allen Regeln menschlicher Grausamkeit Gequälte hat das Sinnbild des bösen, die Drachenfigur unter seine Füße getreten, das Abscheuliche zum Schemel des Heiligen umgewidmet. Das Böse ist nicht verschwunden, es ist noch sichtbar. Es ist für immer an einen bestimmten Platz gewiesen. Es ist nicht unter den Teppich gekehrt, es soll nicht verschwiegen werden. Aber es ist deutlich, dass es nicht mehr im Mittelpunkt steht. Jesus hat die Macht, die ihn unter das Kreuz brachte, für seine Zwecke dienstbar gemacht. Die Glaubenssätze von Dietrich Bonhoeffer, der gestern vor 75 Jahren im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde, diese Glaubenssätze kommen mir in Erinnerung. Da schreibt Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will.“
Oder Madeleine Delbrel. Sie wuchs auf als überzeugte Atheistin. Doch die Erblindung ihres Vaters und die Trennung von ihrem geliebten Freund waren für sie schmerzhafte Erfahrungen, die ihre Lebenspläne durchkreuzten. Ihre Universitätskarriere verfolgte sie nicht weiter und schloss sich mit zwei weiteren Frauen zu einer Gemeinschaft zusammen, wechselte gemeinsam mit ihnen nach Ivry in ein Arbeiterviertel im Südosten von Paris und wirkte dort aus christlicher Überzeugung als Sozialarbeiterin. Später sagte sie über diese Entscheidung: „Wenn ich aufrichtig sein wollte, durfte Gott, der nicht mehr strikt unmöglich war, nicht mehr so behandelt werden, als gebe es ihn nicht. Ich wählte deshalb, was mir am meisten meiner veränderten Perspektive zu entsprechen schien. Ich entschloss mich zu beten. Lesend und betend habe ich Gott gefunden, hab ich geglaubt, dass Gott mich findet, dass er die lebendige Wahrheit ist. Und dass man ihn lieben kann, wie man eine Person liebt. Madeleines Vorbehalte gegenüber Gott und gegenüber der Kirche verwandelten sich in Interesse. Und dieses Interesse führte sie dazu, einfach auszuprobieren, wie es ist, wenn man ein Gebet spricht und auf die Folgen wartet. Und schließlich machte sie die Erfahrung, dass die Liebe, die Gott ihr gegeben hatte, auch für sie zu spüren war und sie Liebe weitergeben konnte. Ihr Einsatz für die Benachteiligten war Zeichen dieser liebe. Vielleicht ging es ihr so ähnlich wie dem Apostel Paulus Der schreibt in dieser besagten Stelle: „ Obwohl ich ein Feind von Gott war, hat er sich durch Christus mit mir ausgesöhnt und mir den Auftrag gegeben, seine Versöhnungsbotschaft zu verbreiten. So lautet diese Botschaft: in Christus hat Gott selbst gehandelt, hat die Menschen mit sich versöhnt. Er hat ihnen ihre Verfehlungen vergeben und rechnet sie nicht an. Diese Versöhnungsbotschaft lässt er unter uns verkünden.

Und so hatte es Madeleine Delbrel getan. In der Art und Weise, wie sie für die Benachteiligten ein offenes Ohr hatte sich für sie einsetzen konnte, erreichte diese Liebe alle Menschen Es ist egal, mit welchem Gesangbuch oder mit welcher Überzeugung sie ausgestattet sind. An diese Besonderheit dieser Lebensgeschichte der französischen Nonne muss ich denken, wenn ich in diesen Tagen die Nachrichten von den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln höre. Vor mehr als vier Wochen wurde entschieden, die minderjährigen Kinder und Jugendlichen, die unbegleitet sind, nach Europa zu holen und sie dort in professionelle Begleitung zu geben. Vier Wochen hat es gedauert und immer noch ist es nicht möglich diese Jugendlichen hier zu uns zu holen. Vielleicht ist die Befürchtung, dass dieser Schritt hier in unserem Land für Sorge und vielleicht auch für Anfeindungen sorgen könnte. Ein Grund, weshalb es nun bis jetzt noch nicht möglich war, diese Entscheidung umzusetzen. Aber auch hier kann die Versöhnungsbotschaft, die uns an diesem Karfreitag gesagt ist, hilfreich werden. Diese Furcht vor den Anfeindungen, diese Sorge vor den negativen Auswirkungen dieser Öffnung kann kein Grund sein, die Kinder und Jugendlichen auch in Zukunft sich selbst zu überlassen. Andererseits können die Kinder und Jugendlichen, wenn sie bei uns aufgenommen werden, gerade die Erfahrung machen, dass es einen Unterschied macht zwischen einem demokratischen und einem Zwangssystem, dass es einen Unterschied macht, ob in einem Staat Gnade vor Recht ergehen kann oder ob Menschen festgelegt werden auf nationale oder religiöse Besonderheiten. Diese Erfahrung können die Kinder und Jugendlichen machen, wenn sie hier bei uns aufgenommen würden. Auf diese Weise könnten sie feststellen, welche Besonderheiten die Hintergründe eines christlichen Abendlandes auch für sie zu leisten in der Lage wären. Die Besonderheit dieses christlichen Abendlandes, die zusammenhängen mit dem was Jesus am Karfreitag für die Menschen getan hat.
Ich sitze dort in der Bank und schaue nach oben in das Gesicht dessen, an den wir heute denken. Ich sehe seine Arme, die ausgebreitet sind, als wenn sie die Menschen, die auf ihn zukommen, umarmen wollten. Alle Menschen hatte er auf sich zukommen lassen, auch die Menschen, die ihn enttäuscht hatten, wie Petrus, der ihn verleugnete, Judas, der ihn verriet und alle anderen, die verließen. Selbst einem seiner römischen Peiniger hatte er auf diese Weise geholfen, Zugang zu dieser Versöhnungsbotschaft zu finden. Paulus hat diesen Satz formuliert: „Gott hat Christus, der ohne Sünde war, an unserer Stelle als Sünder verurteilt, damit wir durch ihn vor Gott als Gerechte bestehen können.“

Ich sitze in der Bank unter dem Mindener Kreuz und schaue nach oben; ich sehe in die Augen dessen, der Karfreitag hingerichtet wurde. Ich sehe seine ausgebreiteten Arme, die so aussehen, als wenn sie alle Menschen, die zu ihnen kommen, umarm würden - alle Menschen, egal welches Gesangbuch sie mitbringen, egal zu welcher Religion sie angehören. Alle sind bei ihnen willkommen. Auch ich fühle mich von ihm eingeladen. Ich fühle mich von dieser bewegten Stille angesprochen, eine besondere Karfreitagsstille scheint das zu sein. In dieser Stille stehe ich auf. Ich werde sie mitnehmen in die nächsten Tage. Ich verlasse den Dom mit der Entscheidung, am Ostersonntag wieder zu kommen.

Lied - J.S.Bach Ach Herr, laß dein lieb Engelein (Schlusschoral aus der Johannes-Passion)